Mietergenossenschaft Wöhlertgarten eG

Zitate

Peter Weiss (1916 – 1982)
Die Ästhetik des Widerstands

„Erinnerst du dich an das Aussehen der Pflugstraße, fragte ich meinen Vater, und kannst du die Viertel beschreiben, die sie umgaben. Mein Vater dachte sich zuerst unsere Haustür, mit der Nummer Sieben. Sie bestand aus zwei schweren, im Flur mit langen Eisenhaken von der Wand abgestützten Hälften und war mit vergitterten Glasscheiben versehn. Wandte er sich von den wellenförmig geschnitzten Profilen der Außenfläche ab, so fiel sein Blick auf den roten Ziegelsteinbau an der gegenüberliegenden Straßenseite. Es war das freistehende Haus der Volksschule (heute Sitz der Jenny De la Torre Stiftung – Anm. d.Red,), dreistöckig, wie er glaubte, mit Gesimsen unter den Fenstern und ein paar Stufen, die zum Eingang hinaufführten. Daneben erstreckte sich auf steinernem Sockel, ein gusseiserner Zaun vorm schmalen Teil des Hofs, auf dem, zwischen Gebüsch, ein Gemüsebeet angelegt war. Daran schloss sich, zur Rückseite des Gebäudes verlaufend, der größere, mit Kies bestreute Hof. Zu den Seiten ragten Brandmauern auf, höher als die Schule, am Ende des Hofs lagen Werkstätten und kleinere Fabriken, mit Schornsteinen und Reihen rußiger Fenster. Drehte er sich nun, nachdem er über das Pflaster der Straße gegangen war, wieder unserm Haus zu, so sah er den großen Block, der sich links anschloß (gemeint ist der Wöhlertgarten – Anm. d.Red.). Die Fassade, mit ihren eingelassnen Balkons, ihren breitgeschwungenen Stuckverzierungen, hob sich von den übrigen Mietskasernen ab. Hier wohnten Polizisten mit ihren Familien, zumeist mittlere Beamte, die ihre Dienststelle in den Kanzleien und Kasernen an der Chausseestraße hatten. Das Haus schloß unsre Straße am Winkel zur Wöhlertstraße ab. Nach den grünen Uniformen seiner Bewohner Maikäferhaus genannt, gab es uns, sagte mein Vater, Sicherheit, denn niemand kam auf den Gedanken, daß in unmittelbarer Nähe solcher Bewachung Genossen ein und ausgehn und sich nach Dreiunddreißig hier oft wochenlang verstecken würden.“

(Quelle: Suhrkamp Taschenbuch, erste Auflage dieser Ausgabe 2005, S. 118f  – Die Orthographie folgt dem Original.)

Peter Weiss lebte Anfang der 30er Jahre in der Pflugstraße 7.

 

 

Der deutsch-amerikanische Maler, Grafiker und Karikaturist George Grosz (1893 – 1959) lebte als Kind in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts in der Wöhlertstraße.
In seiner Autobiografie „Ein kleines Ja und ein großes Nein. Sein Leben von ihm selbst erzählt“ schreibt er. „Als mein Vater starb, (im Jahre 1900 – Anm. d. Red.) zog meine Mutter mit uns nach Berlin. Wir wohnten dort in der Wöhlertstraße nahe dem Wedding, einem Kohleplatz gegenüber; das übliche Schild mit den schwarzen, gekreuzten Hämmern erscheint mir noch manchmal wie ein pessimistisches Denkzeichen. Hinter der geteerten Brandmauer war der übliche Durchblick auf den Hinterhof, die graue Vorstadtkulisse aus Asphalt und Stein, und ich sehnte mich nach Stolp (heute Słupsk – Anm. d. Red.), nach Wald, Wiese, Fluß und heuduftenden Sommertagen.“ Die Kohlenhandlung J. Hausmann befand sich den Berliner Adressbüchern zufolge zu jener Zeit gegenüber der Wöhlertstraße 11 auf dem Grundstück Pflugstraße 10, das später mit dem Wöhlertgarten bebaut wurde. Die Familie Groß (Grosz war ein Künstlername) taucht in den Adressbüchern nicht auf, da sie vermutlich zur Untermiete wohnte.

grosz

Die Kirche – George Grosz (Quelle: „Pass auf! Hier kommt Grosz – Bilder, Rhythmen und Gesänge 1915-1918, Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1. Auflage 1981, S. 59)

Die Zeichnung „Die Kirche“ zeigt mit großer Wahrscheinlichkeit St. Sebastian in der Gartenstraße. Das Haus rechts unten weist den typischen Giebel der Pflugstraße 9 auf, also eines Gebäudes des Wöhlertgartens. Erschienen ist die Zeichnung 1917 in „Kleine Grosz Mappe“ im Malik-Verlag Berlin.

 

 

Der Wöhlertgarten war von 1961 bis 1989 von zwei Seiten von der Mauer umgeben, die angrenzenden Friedhöfe Sperrgebiet. Der Schriftsteller Heinz Knobloch (1926 –2003) besuchte 1978 das Grab Theodor Fontanes (1819–1898) auf dem Friedhof der französisch-reformierten Gemeinde und beschreibt das Procedere in der Erzählung „Wanderungen  zu Fontanes Grab“ :

„Die 17 ist die längste Straßenbahn Berlins. Von Johannisthal bis zur Pflugstraße. Und nun kommt gerade die 17E, der Einsetzer, oder heißt das E heute Extra wegen Fontane? An der Endstation in der Pflugstraße, noch 200 Meter bis zum Friedhof, parkt ein Autobus der Verkehrsbetriebe. ,Arbeiterversorgung‘ steht angeschrieben. Erfrischungen für die Fahrer(innen). Auf diesem Gelände zeigt der Stadtplan von 1880 weder die Pflugstraße noch die im rechten Winkel zu ihr beginnende Wöhlertstraße, sondern umzäuntes und bebautes Gelände: die erwähnten Friedhöfe und die Wöhlertsche Maschinen-Bau-Anstalt-Actien-Gesellschaft.  Heute befindet sich hier unter anderem der VEB Secura. ,Wöhlert-Garten‘ heißt die Gaststätte an der Ecke. Der Wöhlert-Garten ist ein offener, von Wohnhäusern umbauter mehrwinkliger Hof, eine Portion seltsames Bau-Berlin, denn ein Garten war es vielleicht einmal. Durch den Wöhlert-Garten gelangt man zum Friedhofstor, zum Zaun, wo ein Häuschen steht mit einem geöffneten Anmeldefenster. So stellten wir uns als Kinder das Himmelstor vor. Etwas prächtiger zwar und mit weißen Wolkenbergen zu beiden Seiten. Bei weitem nicht jeder, der ankam durfte hinein. Einlaß für alle, die eine graue Grabkarte vorweisen können. Oder mit einem ,Passierschein zum vorübergehenden Aufenthalt im Schutzstreifen‘. Der wird selten sein. Die Frau hinterm Fenster könnte sich sonst nicht so wundern. Sie kommt heraus. Während wir uns verständigen, passieren mindestens zehn Besucher das Nadelöhr, grüßen mit halb erhobener Grabkarte. Man kennt sich. Man grüßt sich mit Namen, sagt etwas im Vorübergehen, weiß eine Neuigkeit, bleibt ein Weilchen stehen. Es ist wie im Milchladen. Normaler Alltag am Friedhofstor.“

(Quelle: „Berliner Fenster“ Mitteldeutscher Verlag Halle-Leipzig, 1981, S.213f)

 

 

Der expressionistische Dichter und Drehbuchautor Franz Richard Behrens (1895-1977) lebte seit Kriegsende  im Wöhlertgarten. Auf ihn soll der Begriff Lautgedicht zurückgehen. Unter anderem schrieb er das Drehbuch zu Svend Gades (1877-1952) Film Hamlet (1921) mit Asta Nielsen (1881-1972).

Sechstaktmotor  (Für Rudolf Blümner)

Blühen muss meine Maschine / Grüne Frösche / Verspannungsbefestigungslasche / Hellgrünheben / Neunzehnhundertneunundsiebenzig / Wenn ich meine Bomben werfe / Grüne Hunde / Antrieb vom Geschwindigkeitsmesser / Rote Dächer / Fünfundzwanzig und dreißig Kilogrammquadratmeter / Bin ich schneller als er / Der stille Herr / Zelluloid / Dunkle Bäume / Elftausend Kilogramm / Aber wohin werfen / Mondsüchtige / Cellon / Weiße Wölkchen / Dreimal Hundertzwanzig Quadratmeter / Jetzt gilt’s Freund / Der Nachtwandler / Propeller mit geschweifter Eintrittskante / Platzende Schrappnells / Ka x Ka ypsilon und A durch W / Er ist stark /  Der Drehwurm fährt Karussell /Aus einem Stück gebogenes Scharnier / Daunen steigen / Eins Komma eins von Hundert / Fünfzig Meter steht er über mir / Ganz große Kanone / Vorrichtung zur Verankerung der Verwindungsklappen bei Wind / Halten sich zu meiner Rechten / Null Komma dreizehn Millimeter / Fünfzig Meter liegt er auf mich / Küken Rollengehäuse für Seilzug / Sie mehren sich / Dreizehn Komma vier Metersekunden / Was sind fünfzig Meter / Oberfranz franzt Strich / Haftenteil für Gürtelschnalle zum Festschnallen / Schon sind sie auf beiden Seiten / Eins Komma zwei zwei drei Kilogrammkubikmeter / Dauerfranz verfranzt / Bajonettförmige Befestigung von Tragdeckenholmen / Die mit Laub bedeckten Erdhütten / Fünfzehn Grad Celsius / Ich sehe sein Grinsen / Affenfahrt Autokanister / Protzen Munitionswagen Gespanne / Ka ypsilon mal S mal V quadrat / Er beugt über Bord / Ich will noch heute zum Südpol / Schwarzblechklempner / Ihr habt recht euch zu retten / Nullkommanullfünf neun-sechsdrei / ich höre nichts mehr / Ha und Be / Tropfende Rostschutzlack / Fünf Atemzüge sitze ich ihm im Rücken / Kaltes Messer am Halse / Mäuschen und Nägel / Kugellager / Herz über Herz / Kreuztraversen / Splitter spritzen fünfundzwanzig Meter gurgelnd / Meine Maschine küsst mir die Hand

(Quelle: Gedichte-Datenbank jokers.destresstips.com)